Tageblatt : Das Fleisch war ein Tier – Meat the Artist

November 24th, 2005
Meat the Artist

Meat the Artist

Tageblatt, Donnerstag, 24 November 2005, Seite 21

Leslie’s Artgallery, eine neue Kunstgallerie in Bridel

von Franzesco Bezzi
Die hügelige – weil von gewaltigen Höhen und Tiefen geprägte – Landschaft luxemburgischer Kunstgalerien ist seit einigen Tagen um eine weitere Adresse reicher geworden.

Als Mekka der zeitgenössischen Kunst galt Bridel bisher nicht, noch bildet sich die vor wenigen Tagen eröffnete „Leslie’s Artgallery“ ein, das eher verschlafene Bild dieser kleinen Ortschaft grundlegend zu verändern. Eine unabhängige, kritische, innovative Begegnungsstätte junger Künstler möchte die zweistöckige Galerie aber schon sein.

Der Anfang ist viel versprechend. Die am 11. November eröffnete Kollektivausstellung „Meat the Artist“ hält das, was sie mit ihrem Namen verspricht. Es geht um die Wurst – genauer gesagt das, was (bestenfalls) da drin sein sollte: Fleisch.

Fünf junge Künstler aus der Großregion befassen sich mit unserem Umgang zur „fleischlichen“ Komponente des Körpers, sei es vom Menschen oder vom Tier. Die Verdinglichung von Tierfleisch zur plastikähnlicher Ware sowie die stetige Verdrängung des organischen Charakters unseres der Haut liegt, möchten wir in der Regel lieber wenig wissen – zählen zu den Themen der ausgestellten Kunstwerke.

Lebensverachtende Sensationslust und Effekthascherei liegen ständig auf der Lauer, wenn es darum geht, Blut und Muskelgewebe als künstlerisches Sujet zu behandeln. Die Gefahr ist den Künstlern wohl bewusst, das Ergebnis überzeugend: ausdrucksstark, aber nicht geschmacklos.

In seiner fotografischen Arbeit geht Stefan Seffrin auf den Aspekt der Zerstörung (des Tötens bzw. Schlachtens) ein. In einem an alte Opferrituale erinnernden Schwarz-Weiß-Foto posiert der Künstler als Schlächter vor einem Schweinekopf. Die suggerierte Handlung des Schlachtens ist grausam, doch im Gegensatz zur totalen Entfremdung des heutigen maschinellen Schlachtens hat sie hier etwas Sakrales. Beide Akteure – nicht nur das Schlachtopfer – haben in diesem Bild etwas Animalisches. Und beide – auch das Schlachtopfer – haben eine Würde.

Blutig rot ist hingegen die prothesenartige Nabelschnur, welche im Mittelpunkt der Fotoarbeit der Luxemburgerin Leslie Barnig steht. Die erst fünfundzwanzigjährige Initiatorin der Galerie verweist hiermit auf die ebenso verdrängte, von dunklen Erinnerungen und mehreren Körpersäften geprägte pränatale Welt.

Das chirurgische Verfahren des Zerlegens und Zusammenfügens ist wiederum das Leitmotiv der Arbeiten von Céline Lican. Die Naht dominiert ihre mit Nadel und Faden erstellten Collagen-Bilder. In seiner Fotoarbeit lässt der Luxemburger Thierry Waltzing erahnen, was hinter dem Selbstporträt steht: die Stofflichkeit des Lebens.

Vertrocknet, gefärbt und in Plastik gegossen: Diesem komplexen Verfahren werden in der Installation von Céline Mitsch Froschschenkel unterzogen. Nicht minder degeneriert ist oft unsere Nahrung. Infolge verschiedener äußerlicher Einflüsse sind wir aber auch, in unserem Leben, ähnlich entfremdet.

Die sicherlich mutige Eröffnung dieser neuen Galerie zeugt von der Lebendigkeit unserer Kunstszene, – auch außerhalb der etablierten, öffentlich subventionierten Einrichtungen. Auf die nächste, für Januar angekündigte Kollektivausstellung „Art meets Religion – unser außergewöhnliches Brot“ kann man gespannt sein.

-> „Meat the Artist“, bis zum 9. Dezember, in der Leslie’s Artgallery, 66-68, rue de Luxembourg, Bridel. Geöffnet von Mittwoch bis Freitag von 17 bis 20 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 20 Uhr.